Fast jede zweite Schule in Deutschland bietet inzwischen Ganztagsangebote an. Und fast täglich werden es mehr. In den Planungen der 16 Bundesländer ist die Weiterentwicklung fest verankert. In einer vierteiligen Serie von www.ganztagsschulen.org ziehen die Länder Bilanz und blicken auf 2012. Heute: Berlin, Brandenburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern.
Die flächendeckende Ganztagsschulbetreuung gilt nach Ansicht der dortigen Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) als ein Markenzeichen von Berlin. "Schon jetzt bieten 86 Prozent aller allgemein bildenden öffentlichen Schulen einen Ganztagsbetrieb an. Der Ausbau von Ganztagsschulen wird in den kommenden Jahren fortgeführt", kündigt die Senatorin gegenüber www.ganztagsschulen.org an. Die Anzahl von gebundenen Ganztagsschulen auf freiwilliger Grundlage werde dabei um zwei weitere pro Bezirk erhöht. Die Ganztagsschule sei damit die Regelschulform, die es vielen Berliner Schülerinnen und Schülern ermögliche, von der Grundschule bis zum Abitur ein Ganztagsangebot wahrzunehmen.
Scheeres erinnert daran, dass "Berlin mit der Schulstrukturreform die Rahmenbedingungen für den Ganztagsbetrieb bereits geschaffen hat." Der Ganztagsbetrieb mache die Schule zum Lern- und Lebensort der Schülerinnen und Schüler und ermögliche eine kontinuierliche und individuelle Förderung der Kinder. An Sekundarschulen betrage die reine Unterrichtszeit 31 bzw. 32 Wochenstunden. Durch Schülerarbeitszeit und Kooperationen mit neuen Schulpartnern entstünden neue Lernformen und -zeiten. Schulen öffneten sich für die Angebote von Sportvereinen, Musikschulen, Volkshochschulen, Theatern und Partnern aus allen Bereichen der Jugendarbeit.
Schulen im Ganztagsbetrieb gestalteten ihren Stundenplan neu. Manche hätten ihre einzelnen Unterrichtsstunden verlängert, manche den Zeitablauf verändert. Neue Pausenformen mit betreuten Angeboten würden möglich. So bekomme die Schule einen neuen Herzschlag, einen neuen Rhythmus. "Durch die Ganztagsschulen entsteht eine Lernkultur, die die unterschiedlichen Voraussetzungen und Bedürfnisse der Kinder berücksichtigt und einen vielgestaltigen Schulalltag ermöglicht", bilanziert die Senatorin. Ein hoher Qualitätsstandard könne eingehalten werden, weil ausnahmslos pädagogische Fachkräfte für außerunterrichtliche Angebote eingesetzt würden.
"Ganztag im Land Brandenburg ist eine Erfolgsgeschichte", erklärt die dortige Ministerin für Bildung, Jugend und Sport, Dr. Martina Münch (SPD). Sie verweist auf die Entwicklung: In den 90er Jahren habe es 80 allgemein bildende Ganztagsschulen gegeben. Im laufenden Schuljahr 2011/12 gebe es Ganztagsangebote an mehr als der Hälfte aller 687 allgemein bildenden Schulen in unterschiedlichen Organisationsformen.
"Im Jahr 2003 hatten wir uns das Ziel gesetzt, künftig für ein Viertel der Kinder in der Grundschule (Klasse 1 bis 6) und für 33 Prozent der Schülerinnen und Schüler in den Klassenstufen 7 bis 10 Ganztagsangebote zu schaffen. Das Ziel haben wir deutlich übertroffen", sagt Münch. Inzwischen nähmen in der Grundschule rund 40 Prozent und in der Sekundarstufe I etwa 50 Prozent der Schülerinnen und Schüler an Ganztagsangeboten teil. Dafür investiere das Land jährlich rund 22 Millionen Euro und stelle damit rund 460 zusätzliche Lehrerinnen und Lehrer zur Verfügung.
Die Ministerin kündigt an: "In den kommenden Jahren stellen wir die weitere Qualitätsentwicklung der Ganztagsangebote in den Mittelpunkt." Kürzlich sei die von der Serviceagentur "ganztägig lernen" erstellte Broschüre "Qualität an Schulen mit Ganztagsangeboten in Brandenburg" veröffentlicht worden. Sie solle den am Ganztag Beteiligten eine Orientierungshilfe für die Weiterentwicklung des pädagogischen Ganztagskonzepts als Bestandteil des Schulprogramms, für die tägliche Arbeit und für die Evaluation geben.
Bereits seit Frühjahr 2011 gelte eine vollständig überarbeitete Verwaltungsvorschrift über Ganztagsangebote in Brandenburg. Münch umschreibt das Ziel: "Die Ganztagsangebote sollen einen stärkeren Beitrag zur individuellen Förderung der Schülerinnen und Schüler leisten und möglichst allen Jugendlichen einen schulischen Abschluss verschaffen. Zudem prüfen wir, welchen Beitrag Ganztagsschulen bei der Entwicklung inklusiver Bildungsangebote künftig leisten können. Davon wird die weitere Entwicklung der Ganztagsangebote im Land Brandenburg abhängen."
Nicht mehr wegzudenken sind die Ganztagsschulen auch in Schleswig-Holstein. So verlautet aus dem dortigen Kultusministerium. "Zu einer förderlichen Infrastruktur an den Schulen gehört der Ganztagsbetrieb. Mittlerweile hat die Hälfte aller Schulen im Land ein Ganztagsangebot", zieht Kultusminister Dr. Ekkehard Klug (FDP) zufrieden ein Fazit.
Er erinnert daran, dass es vor neun Jahren in Schleswig-Holstein gerade einmal 43 Ganztagsschulen gegeben habe. Im aktuellen Schuljahr 2011/12 arbeiteten schon rund 50 Prozent aller allgemein bilden Schulen als Ganztagschulen. Landesweit gebe es derzeit 446 Offene Ganztagsschulen. Hinzu kämen 23 gebundene Ganztagsschulen, in denen die Teilnahme am Unterricht für die Schülerinnen und Schüler teilweise verpflichtend sei. Ergänzend zu diesen bereits bestehenden gebundenen Ganztagsschulen seien 2009 und 2010 an Schulstandorten mit besonderem Förderbedarf zehn neue gebundene Ganztagsschulen eingerichtet worden. Darüber hinaus würden an 231 Schulen mit Primarstufe Betreuungsangebote vor und nach der Verlässlichen Grundschulzeit, die in der Regel bis 14 Uhr gelte, vorgehalten.
Man habe in Schleswig-Holstein einen hohen Ausbaustand erreicht. Zukünftig werde von einem tendenziell geringeren quantitativen Zuwachs auch im Bereich der Betreuungsangebote in der Primarstufe ausgegangen. Eine Erweiterung der Zahl der gebundenen Ganztagsschulen sei derzeit nicht beabsichtigt. Das Kultusministerium weist auf die zusätzlichen Lehrerwochenstunden für Ganztagsschulen und darauf hin, dass das Land die Offenen Ganztagschulen und Betreuungsangebote in der Primarstufe im Haushaltsjahr 2012 durch eine Betriebskostenförderung im Umfang von 8,8 Millionen Euro unterstütze.
"Zwei Drittel aller Schulen in Mecklenburg-Vorpommern sind inzwischen Ganztagsschulen. Die Weiterentwicklung der gebundenen Ganztagsschulen steht in unserem Koalitionsvertrag als eine der wichtigsten Aufgaben mit an vorderster Stelle", zieht der Minister für Bildung, Wissenschaft und Kultur des Landes, Mathias Brodkorb (SPD), einerseits Bilanz und blickt zugleich nach vorne. Man wolle Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass Vereine aus den Bereichen Jugendarbeit, Sport, Kultur, Bildung und Umwelt mit ihren vielfältigen und attraktiven Angeboten noch Ziel gerichteter in die Ausgestaltung der gebundenen Ganztagsschule miteinbezogen werden. Die Landesregierung plane den weiteren Ausbau des Ganztagsschulnetzes. Zugleich kündigt er an: "Außerdem wollen wir die Zusammenarbeit zwischen Grundschulen und Horten verbessern."
Ganztagsschulen bilden in Mecklenburg-Vorpommern seit Jahren einen Schwerpunkt in der Schulentwicklung. Die erste Schule mit einem Ganztagskonzept für alle Schüler, die Olof-Palme-Schule, wurde von der Bürgerschaft der Hansestadt Stralsund 1994 ins Leben gerufen. Die Anzahl der Ganztagsschulen ist laut Statistik der Kultusministerkonferenz inzwischen auf 231 (Schuljahr 2009/2010) gestiegen. Sie sind nach Einschätzung der Landesregierung besonders gefragt, weil sie als eine zukunftsweisende Schulform mehr Zeit und Raum für die Umsetzung innovativer pädagogischer Konzepte böten.
Autor/in: Stephan Lüke
Datum: 11.01.2012
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