16. OKTOBER 2007

Partizipation mit Tastatur und Bildschirm

In dem Online-Projekt "Schools0r us" sind finnische und deutsche Schülerinnen und Schüler die Protagonisten. Bei diesem Projekt der Servicestelle Jugendbeteiligung sollen gute Partizipationsideen aus beiden Ländern vorgestellt, diskutiert und bekannt gemacht werden. Finnische und deutsche Jugendliche stellten "Schools 0r us" auf dem 4. Ganztagsschulkongress am 21. und 22. September 2007 in Berlin vor.

Dieses Bild hatte etwas Besonderes. Auf dem Podium im Kuppelsaal stand - ganz ohne Flankierung durch Erwachsene - eine achtköpfige Gruppe finnischer und deutscher Schülerinnen und Schüler, die mit großem Selbstbewusstsein das Thema "Partizipation in der lokalen Bildungslandschaft" präsentierten. Alle Jugendlichen hatten dabei die gleiche Redezeit, um ihre Ergebnisse aus dem  "Forum 2: Neue Perspektiven" in fließendem Englisch vorzutragen.

Die bühnenreife Performance der Schülergruppe war zugleich eine Vorschau auf das Schwerpunktthema des nächsten Ganztagsschulkongresses, der im Jahr 2008 das Thema "Partizipation" in den Mittelpunkt stellen wird. Die Schülerinnen und Schüler entpuppten sich auch als Experten in Sachen "lokale Bildungslandschaft". Die technischen und inhaltlichen Rahmenbedingungen für die Generalprobe dieses binationalen Schülerprojektes wurden mit dem Online-Projekt "Schools0r us" geschaffen.


 
Das binationale Online-Projekt "Schools0r us" wird von den Schülerinnen und Schülern im Kuppelsaal des Kongressgebäudes vorgestellt.

Mit einem Klick von Helsinki nach Passau

Nachdem die acht Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Online-Projektes "Schools0r us" bisher ausschließlich über die Internet-Plattform kommuniziert hatten, trafen sie sich auf dem 4. Ganztagsschulkongress erstmals persönlich. Die finnischen und deutschen Jugendlichen, die ihr Projekt dem Kongressplenum im Rahmen der Vortragsreihe vorstellten, formulierten klare Vorstellungen darüber, wie Partizipation "lokale Bildungslandschaften" verändern kann. Julia Spieß, die 25 Jahre alte Projektleiterin und schon selbst für acht Monate als Kindermädchen in Helsinki gewesen, brachte einen wichtigen Aspekt des Online-Projektes "Schools0r us" auf den Punkt: "Wer früh partizipiert, wird in seinem späteren Leben aktiver sein."

Das Projekt wurde von der Servicestelle Jugendbeteiligung (SJB) initiiert, einem Ansprechpartner für Jugendbeteiligungsprojekte, der bundesweit Jugendliche und Jugendprojekte unterstützt und vernetzt sowie eigene Modellprojekte koordiniert. Mit Hilfe von "Schools0r us" können sich deutsche und finnische Schülerinnen und Schüler über die Erfahrungen mit Partizipationsmöglichkeiten an ihren Schulen austauschen. Folgende Fragen spielen dabei eine Rolle: Welche Beteiligungsmöglichkeiten ermöglichen die einzelnen Schulen ihrer Schülerschaft? Wie werden die Schülerinnen und Schüler unterstützt? Welche Organisationen sind vor Ort mit dem Thema Partizipation befasst?

Das englischsprachige Projekt, das durch das Programm "Jugend in Aktion" und die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) gefördert wird, trägt auch dazu bei, Relevantes über die Bildungslandschaften und Ganztagsschulen in beiden Ländern zu erfahren.

Instrumente der Jugendpartizipation

Die Schülerinnen und Schüler stellen seit Juli 2007 ihre Modelle und Ideen mit "Schools 0r us" auf www.schola-21.org vor, einer Plattform, die speziell für solche Onlineprojekte konzipiert ist. Wie sieht es aus mit Zukunftswerkstätten, Mobilen Akademien, Partizipationsberatung und -publikationen, Klassenrat, Schulparlamenten, Schülerfirmen, Schülerclubs und Youth Banks? Erörtert wird auch, wie gut diese Modelle funktionieren und welche Verbesserungsmöglichkeiten es gibt. Man tauscht sich über positive und negative Erfahrungen aus, gibt Praxistipps und sammelt so Partizipationsideen für eigene oder für andere Schulen. Mit "Mobbing" und "Gender" haben sich zwei Themen herauskristallisiert, die viele Schülerinnen und Schüler betreffen, aber nicht Gegenstand des Lehrplans sind. Mit "Schools0r us" hoffen die Jugendlichen, zum Beispiel diesen Umstand zu verändern.



Gruppenbild mit Schülerinnen und Schülern (dritter von links ist Benjamin Klingstedt). Die finnischen und deutschen Jugendlichen beteiligten sich intensiv an Diskussion und Austausch während des 4. Ganztagsschulkongresses in Berlin. 

Acht Stufen der Partizipation hatte die Gruppe - angelehnt an die "Ladder of Citizen Participation" der US-Amerikanerin Sherry Arnstein von 1969 - erarbeitet und stellte sie dem Plenum vor. Als Nichtpartizipation definierten sie die "Manipulation": Die Schülerinnen und Schüler werden überhaupt nicht an Entscheidungen beteiligt. Eine Stufe höher steht das "Alibi": Die Kinder und Jugendlichen können nur bei unwichtigen Fragen ihre Stimme erheben.

Ab Stufe drei beginnt mit der "Deklaration" die Pseudo-Partizipation - zu Fragen, die sie betreffen und interessieren, können die Schülerinnen und Schüler Stellung beziehen, ohne dass dadurch die Entscheidung beeinflusst wird. Bei der "Information" werden die Schülerinnen und Schüler aktiv von der Schulleitung informiert. Die Stufe "Fragen und informieren" beschreibt einen schon gleichberechtigten Diskussionsprozess.

Partizipation heißt Schule und das Lebensumfeld mitgestalten 

Ab Stufe sechs beginnt Partizipation: "Gemeinsame Entscheidungen" treffen, gefolgt von der "Selbstbestimmung", bei der die Kinder und Jugendlichen in einigen Bereichen autonom entscheiden können. Bei der höchsten Stufe "Partizipation" sind sie völlig gleichberechtigte Mitglieder der Schulgemeinschaft, die auf alle Bereiche des Schullebens aktiv Einfluss üben können. Eine solche "Partizipation", die den Jugendlichen zufolge die einzige Möglichkeit darstellt, Schule zu ändern, war zumindest in keiner der von den Jugendlichen auf dem Kongress vorgestellten Schulen verwirklicht.

Dabei ist Partizipation alles andere als ein Geschenk oder Zugeständnis der Erwachsenen an die Kinder und Jugendlichen. Vielmehr sind Kinderrechte Menschenrechte. Nachdem die Bundesrepublik Deutschland im Jahr 1992 mit Artikel 4 die UN-Kinderrechtskonvention (UN-KRK) ratifiziert hat, muss sie auch gesetzgeberisch verankert werden. Eine bundesweite Initiative aus wichtigen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens will gegenwärtig die Kinderrechte im Grundgesetz verankert wissen. Neben dem Recht auf Bildung und Förderung gehören dazu ein Überlebensrecht und ein Recht auf Beteiligung.

Partizipation ist ein Kinder- und Menschenrecht

Die Konsequenzen, die die Kinderrechte auf die Partizipation in den Schulen beziehungsweise in der "lokalen Bildungslandschaft" haben, bringt die Demokratiepädagogin Sonja Student auf den Punkt: "Die Kinder müssen bei allen Angelegenheiten, die sie betreffen, beteiligt werden. Das heißt, alle in der Schule Beteiligten müssen umdenken." In der demokratischen Gesellschaft spielen laut Sonja Student diese Rechte jedoch erst dann eine Rolle, wenn sie im Alltag gelebt werden.

Der finnische Schüler Benjamin Klingstedt, 17 Jahre alt und einer der Teilnehmer von "Schools0r us", weiß aus Erfahrung, wovon die Rede ist. Da er mit seiner Familie einige Jahre in Deutschland lebte und eine deutsche Schule besuchte, konnte er konkret vergleichen. In der deutschen Schule müssten die Kinder immer den Wegen folgen, die die Gruppe beziehungsweise die Lehrkräfte vorgeben. Außerdem sei das deutsche Schulsystem sehr kompliziert: "Das finnische Schulsystem ist viel einfacher", meint der Schüler. Als Vorbereitung auf den Kongress hatten er und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter einen Text von Thelma von Freymann, gelesen, einer Lehrerin, die sowohl in Finnland als auch in Deutschland unterrichtet hat.

Innenansichten des finnischen Schulwesens

Man erfährt aus dem Artikel "Zur Binnenstruktur des finnischen Schulwesens", dass Geographie, Wirtschaft und Sozialstruktur sowie besondere kulturelle Aspekte den PISA-Erfolg Finnlands ausmachen. Diese Voraussetzungen sind bis auf den Ansatz der individuellen Förderung aber nicht ohne weiteres auf die hiesigen Verhältnisse übertragbar. Schulen, deren Träger die Gemeinden sind, genießen eine sehr hohe Autonomie. Die erste Schulstufe in Finnland ist die sechsjährige Unterstufe, in der die Klassenlehrerinnen und Klassenlehrer meist alle Fächer außer den Fremdsprachen unterrichten. Die zweite Schulstufe ist die dreijährige Oberstufe von Klasse sieben bis neun.

Die dritte Schulstufe ist die "lukio". Statt Jahrgangklassen zeichnet sie sich durch ein Kurssystem aus, das den individuellen Voraussetzungen und Neigungen Rechnung trägt: "Je nach Begabung, Fleiß und angestrebtem Notendurchschnitt kann man das Abitur nach zwei, drei oder vier Jahren ablegen. Der Notendurchschnitt ist von zentraler Bedeutung, wenn man studieren will, denn das Abitur als solches begründet keinen Anspruch auf einen Studienplatz." 



Benjamin Klingstedts Stundenplan vom Tölö-Gymnasium in Helsinki

Als Schüler eines "lukio" hat sich Benjamin dafür entschieden, sein Abitur in vier statt in drei Jahren abzulegen. Nicht aus Bequemlichkeit: "Ich habe viele Hobbys und nehme an einem Musical teil." Sein kulturelles Engagement kommt ihm auch schulisch zugute. Außerschulische Aktivitäten wie die Mitarbeit im Schülerparlament, Sprachreisen ins Ausland oder Kulturprojekte werden - nicht nur in der "lukio" - mit Punkten belohnt, die sich auf den Notendurchschnitt positiv auswirken.

Engagement sollte belohnt werden

Zum Vergleich: An einer Schule in Passau haben Schülerinnen und Schüler ein Sanitäterprojekt in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Roten Kreuz ins Leben gerufen und im Schulalltag verankert. Dies spielt für Noten und Zeugnisse allerdings keine Rolle. Die "Schools0r us"-Gruppe forderte daher auch, solches Engagement an Schulen anzuerkennen.

Das Kurssystem in Finnland honoriert die Partizipation der Schülerinnen und Schüler. Mindestens vier Fächer müssen belegt werden. Die Muttersprache ist ebenso Pflicht wie Mathematik, Geschichte und Englisch. Benjamin hat als Schüler Einfluss auf Lerntempo und Lerninhalte: Seinen Stundenplan stellt er individuell auf seinem Computer zusammen und sendet ihn seinem Lehrer per E-Mail. Kunst, Humanökologie und Musik sind die Schwerpunkte seiner Schule.

Während am Mittagessen alle Schülerinnen und Schüler teilnehmen, ist es ihnen freigestellt, die Angebote der Ganztagsschule zu besuchen. "Ich brauche meine Freiheiten und nehme nicht an der Ganztagsschule teil", meint Benjamin. Das Gefühl, seine Schullaufbahn mitzubestimmen und Mitspracherechte zu haben, motiviere ihn in der Schule. "Wenn jemand ein Problem hat, gibt es sofort Hilfe", weiß er aus Erfahrung.

Individuelle Förderung qua Gesetz

Die Förderung der schwachen Schülerinnen und Schüler spielt in Finnland eine zentrale Rolle. Dazu Thelma von Freymann: "Gelingt es nicht, Lernprobleme mit einer beschränkten Zahl von Stunden bei der Speziallehrerin zu beheben, schreibt das Gesetz vor, dass die Spezialkonferenz sich des Falles annimmt."

Die "lokalen Bildungslandschaften" in Deutschland setzen vermehrt an dieser Schnittstelle zwischen Schule, Jugendhilfe und außerschulischen Partnern an. Sie beziehen die Eltern, die außerschulischen Partner sowie das gesamte kommunale Umfeld systematisch ein - viele bereits in der Kindertagesstätte und in den Grundschulen: "Dort werden die Fundamente für den Bildungsgang eines jeden Kindes gelegt", so von Freymann.

Wo die Perspektiven und Partizipationserfahrungen der Kinder und Jugendlichen ernst genommen werden, kommen die Dinge aber viel besser voran, da ist sich Benjamin mit seinen Mitschülerinnen und Mitschülern von "Schools0r us" einig. Das Online-Projekt läuft noch bis Februar 2008. Die Schülerinnen und Schüler wollen bis dahin ihre Ideen zur Partizipation an Schulen ausformulieren und die Resultate veröffentlichen.

 

Autor/in: Peer Zickgraf und Ralf Augsburg
Datum: 16.10.2007
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Die finnischen und deutschen Schülerinnen und Schüler vor dem Berliner Congress Centrum

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  • School`r us! - Das deutsch-finnische Online-Projekt [mehr]